Triumph des Bewusstseins
Die Evolution des menschlichen Geistes
Donald, Merlin
2008, 350 S, Gb, (Cotta)
Bestell-Nr. 146730

24,95 EUR

Merlin Donalds Buch widerlegt die vorherrschenden Theorien derjenigen Naturwissenschaftler und Philosophen, die das menschliche Bewusstsein als Abfallprodukt der Evolution abtun. Für ihn sind es die Kultur und das neuronale System, die das menschliche Bewusstsein zu dem gemacht haben, was es ist. Genau dieser hybride Geist macht den evolutionären Vorsprung des Menschen aus.
 
Die Fähigkeiten des Bewusstseins liefern den Schlüssel für die umwälzenden Entwicklungen, die der Mensch auf der Leiter der Evolution zurückgelegt hat. Wie ist es zu erklären, dass unser Gehirn dem anderer Primaten so stark ähnelt und ihm doch so dramatisch überlegen ist? Warum stattet unser Hirn das Zentrum unseres Ichs mit so viel Autonomie und autobiographischem Vermögen aus? Donald zeigt die Vielschichtigkeit des Bewusstseins auf und erläutert, wie es sich auf der Grundlage der Kultur entwickeln konnte. Für den Autor ist der menschliche Geist ein hybrides Produkt, in dem Materie, nämlich unser Gehirn, mit einem unsichtbaren symbolischen Gewebe, nämlich der Kultur, verwoben ist, woraus ein weit verzweigtes kognitives Netzwerk entsteht. Allein dieser hybride Charakter unseres Geistes ermöglichte es der menschlichen Spezies, die Grenzen zu überschreiten, denen die übrigen Säugetiere unterworfen sind. Inhaltsverzeichnis: INHALT Prolog 1 Das Paradox des Bewusstseins Ein Instrument mit Grenzen Ein minimalistisches Menschenbild Der Tunnel des Bewusstseins Das größte Paradox von allen Die Hardliner. Verwegene Hypothesen Noch verwegenere Hypothesen Dennetts gefährliche Idee Fazit 2 Das Leitsystem des mentalen Lebens Der Zeitrahmen des Bewusstseins Irrige Vorstellungen Bewusstsein und Selbststeuerung Die Fallgeschichte eines offensiven Bewusstseins Sassezkis Spiegelzwillinge Die Perspektive der erzählenden Literatur Vertikale Tiefe und Kohärenz Innenschau Notwendige Korrekturen am Bewusstseinsmodell 3 Der Bewusstseinsclub Die Materialität des Geistes Die Frage der Größenverhältnisse Überlagerungen. Abkehr von der scala naturae Definitionen Der Bewusstseinsclub Mobilisierung von Ressourcen Körperlichkeit und Ich-Mitte Die Exekutivabteilung 4 Drei elementare Stufen des Bewusstseins Das Zerrbild vom isolierten Geist Ist das Gehirn wie ein Computer? Die Dämmerung des hybriden Geistes Über-Modelle und die tertiären Areale Jagd nach Phantomen. Stufe 1: Perzeptuelle Bindung und selektive Aufmerksamkeit Stufe 2: Kurzzeit-Regulierung Stufe 3: Mittel- und langfristige Regulierung Episodisches Bewusstsein Eine kühne Hypothese 5 Condillacs Statue Entwicklungsdynamik Einzigartige Plastizität Der Dritte Mann Die Geburt des Konstruktivismus Mandlers Diktum Der außergewöhnliche Entwicklungsweg Helen Kellers Kontakt Von außen nach innen 6 Die ersten Hybridintelligenzen der Erde Der Abschied vom solipsistischen Modell Bewusstsein und kognitiver Verband Die kulturelle Bedeutung eines multizentrischen, mehrschichtigen Bewusstseins Die Stufen der kulturellen und kognitiven Evolution Der Keim des Selbst-Bewusstseins Der Kampf zwischen Kultur und Gehirn Ideenwäsche Symbolische Innovation und das Lexikon Die virtuellen Realitäten der Mündlichkeitskultur Kollektivität des Geistes 7 Der Triumph des Bewusstseins Der machtvolle Impuls der Symboltechniken Das externe Gedächtnisfeld Ein Trojanisches Pferd Die Schichten der Kultur und des Bewusstseins Die Kohärenz des Bewusstseins Anmerkungen Bibliographie Dank Register Leseprobe: Prolog »Es gibt kein ganzheitliches Selbst. Jede Lebenssituation ist für sich vollständig und genügend. Bist du, während du diese Probleme wägst, denn mehr als eine über die von mir vorgebrachte Argumentation gleitende Indifferenz oder eine Bewertung der von mir bekundeten Meinungen?« JORGE LUIS BORGES (1) Viele psychologische »Theorien« sind im Grunde zu banal, als dass sie diese Bezeichnung wirklich verdienten. Die Freudsche Vorstellung unbewusster Triebe, die behavioristische Doktrin, dass unser Verhalten sich nach Belohnung und Strafe richtet, oder die Lehre, dass Langzeiterinnerungen im Prinzip niemals zerfallen, sind strenggenommen nur Ausarbeitungen von Gemeinplätzen. Solche Commonsense-Theorien untermauern eigentlich nur, was wir uns irgendwie schon immer gedacht haben. Wir sollten uns stattdessen lieber mit Fragen befassen, die tiefer schürfen: Wie vermag das Gehirn überhaupt eine so komplexe und facettenreiche Vorstellung wie die der »Belohnung« zu bilden? Wie können Gehirnzellen differenzierte innere Zustände, etwa einen anhaltenden Groll oder eine tiefsitzende Feindseligkeit gegenüber Autoritätsfiguren, über längere Zeit hinweg festhalten? Noch faszinierender ist die Frage, wie unser Gehirn, wo es doch aus Proteinen besteht, die allenfalls einige Tage überdauern, Erinnerungen über achtzig Jahre hinweg lebendig zu halten vermag. Selbst ungemein vielschichtige Erinnerungen wie die an eine so genannte Double-bind-Beziehung mit einer Mutter, der man es nie recht machen konnte, bleiben ein Leben lang bestehen, obwohl der Körper kein einziges der Atome mehr enthält, aus denen er sich seinerzeit zusammensetzte. Wie ist das möglich? Von Commonsense-Theorien dürfen wir keine Antworten erwarten, weil sie derartigen Fragen von vornherein ausweichen. Commonsense-Theorien über Geist und Intelligenz des Menschen sind in gewissem Sinne ein Zeichen von Zaghaftigkeit. Sie wirken beruhigend, weil sie uns davor bewahren, der Tatsache ins Auge blicken zu müssen, wie fremd wir uns selbst sind. Wir möchten lieber nicht wahrhaben, dass nach Auffassung vieler Wissenschaftler eine Theorie, die dem Wesen unseres Geistes wirklich auf den Grund geht, dem gesunden Menschenverstand wohl ebenso zuwiderlaufen dürfte wie die heutigen Theorien über das physikalische Universum. Zu einer Theorie des menschlichen Geistes, die der Wirklichkeit einigermaßen nahekommt, werden wir wohl erst gelangen können, wenn wir von einigen behaglichen Klischeevorstellungen und Denkgewohnheiten Abschied nehmen. Dieser Gedanke mag schon oft geäußert worden sein, doch sind wir im Nachdenken über den Geist kaum einmal ähnliche spekulative Wagnisse eingegangen wie im Denken über die Materie. Wo wir es riskierten, sahen wir uns mit beunruhigenden Vorstellungen konfrontiert wie etwa der, das Bewusstsein sei nur eine Illusion und in unserem Gehirn herrsche letztlich ebenso gähnende Leere wie im Inneren der Atome, aus denen es sich zusammensetzt. Viele Menschen, auch Wissenschaftler, scheuen vor solchen Denkabenteuern zurück, weil sie befürchten, dass dabei ethisch, sozial und politisch zu viel auf dem Spiel stehen könnte. Es gibt aber keinen legitimen Grund, warum wir fundierten Überlegungen oder wichtigen Fragen ausweichen sollten. Sie sind es wert, dass wir ihnen nachgehen, auch wenn wir dabei auf verbotenes Territorium vordringen. Eine dieser Fragen dreht sich um unsere Individualität. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass der Geist des Individuums seinen Ursprung im Gehirn hat, in einem Ensemble angeborener Fähigkeiten, durch die er für die Aufgaben des Lebens gerüstet ist. Demnach ist ein Neugeborenes vollständig dafür ausgestattet, sich die Welt lernend zu erschließen und mittels der ihm verfügbaren Werkzeuge seine eigenen Erfahrungen und Erinnerungen zu erwerben. Diese Vorstellung scheint auf die meisten Tiere zuzutreffen, und so nehmen wir an, dass sie wohl auch für uns selbst gilt. Hier kann der gesunde Menschenverstand uns freilich in die Irre führen. Der Geist des Menschen hat, anders als bei anderen Spezies, einen kollektiven Gegenpol: die Kultur. Wir klammern uns krampfhaft an die Idee, wir seien voneinander klar abgrenzbare Individuen, obwohl wir in hohem Maße Geschöpfe der Kultur sind. Wir könnten den Menschen als die einzige Gattung auf Erden definieren, die individuelle mit »verteilten« Symbolisierungsprozessen kombiniert und deren Individuen ihre Identität aus einem kollektiven Prozess schöpfen und ein Teil von ihm werden können. Dies lässt sich beispielsweise in Unternehmen und anderen »Körperschaften « beobachten. Die menschliche Vorstellungskraft bewegt sich zwischen diesen Gegensätzen, zwischen Individuum und Gesellschaft. Wenn wir eine stark nach innen gerichtete Perspektive einnehmen, kann es uns so vorkommen, als sei unser Geist das einzig Dauerhafte und Wirkliche und die Welt »da draußen« eine Illusion oder bestenfalls eine Quelle der Erfahrung. In Momenten, in denen wir dagegen in extremem Maß nach außen gerichtet sind, etwa wenn ein Krieg ausbricht und wir ganz in einen »körperschaftlichen« Prozess eingebunden sind, verschmelzen wir geradezu mit der Gruppe und verlieren uns in dem, was sie vorgibt. Die Instrumente, mit denen wir unsere kognitiven Leistungen vollbringen, wurzeln zum großen Teil in der Kultur. Sämtliche Symbolwerkzeuge, mit denen unser Gehirn arbeitet, sind aus der Kultur importiert. Dies wirft die Frage auf, wo die Ursprünge des menschlichen Bewusstseins liegen und welche Funktion ihm in einem Lebewesen zukommt, das zu einer derart tiefgehenden Identifizierung mit dem Kollektiv im Stande ist. Der Grundgedanke dieses Buches ist, dass die Einzigartigkeit des menschlichen Geistes nicht auf seiner biologischen Ausstattung beruht, deren Hauptmerkmale auch bei vielen Tieren zu finden sind, sondern auf der Fähigkeit, Kulturen aufzubauen und sich an sie zu assimilieren. Der menschliche Geist ist somit ein » Hybridprodukt « aus Biologie und Kultur. Ich möchte betonen, dass ich den Geist selbst und nicht nur bestimmte Erfahrungen meine. Er kann sich nicht aus sich selbst heraus entfalten. Da er mit einem kollektiven Prozess verkettet ist, sind die Quellen, aus denen seine Erfahrung fließt, bereits durch die jeweilige Kultur gefiltert. Die Kernfrage der menschlichen Evolution ist somit, wie Kulturen in die Welt kommen. Der Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Kognition liegt nicht so sehr im Aufbau des einzelnen Gehirns, sondern in der Synergie vieler Gehirne. Der Mensch ist daran angepasst, innerhalb einer Kultur zu leben. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten beruhen auf dem bemerkenswerten Umstand, dass unsere Spezies einst eine bis dahin maßgebliche Begrenzung des Nervensystems, nämlich seine solipsistische Abschließung nach außen, überwunden hat. Die Menschheit stützt sich seit ihren Anfängen auf »verteilte« Systeme des Denkens und Erinnerns, in denen mentale Prozesse auf viele Nervensysteme aufgefächert sind. In einem früheren Buch zur kognitiven Evolution des Menschen (2) habe ich ausgeführt, dass die Entwicklung des menschlichen Geistes nur angemessen zu beschreiben ist, wenn man die kulturellen Errungenschaften des Menschen in den Blick nimmt, die eine sich stetig vertiefende Symbiose von Kognition und Kultur erkennen lassen. Ich meine damit aber nicht, dass es so etwas wie einen mentalen Apparat des Kollektivs gäbe. Der Geist eines jeden Menschen bleibt weitgehend für sich und in seinem physischen Behältnis eingekapselt. Auf sich allein gestellt vermag er bemerkenswert wenig auszurichten. Er ist in so gut wie allen Aspekten, die spezifisch menschlich sind, nicht zuletzt in seinen grundlegenden Kommunikations- und Denkfertigkeiten, auf Kultur angewiesen. Das Wort »Kultur« bezieht sich im Allgemeinen weniger auf kognitive Prozesse als auf eine Konstellation von gemeinsamen Gepflogenheiten, Regeln und Sprachsystemen, anhand deren man eine Gruppe von Menschen definieren kann.(3) Jede Kultur stellt in einer tieferen Schicht aber auch ein gigantisches kognitives Gefüge dar, das für seine Mitglieder als Individuen und als Gruppe die Parameter von Gedächtnis, Wissen und Denken absteckt. Kulturen unterscheiden sich erheblich darin, wie stark sie regulierend in den Geist des Einzelnen eingreifen. Die Kultur ist nicht nur unser bester Freund, sondern auch unser ärgster Feind, denn wir sind in den meisten unserer grundlegenden mentalen Fähigkeiten so sehr auf sie angewiesen, dass sie unsere mentale Autonomie bedroht. Sie kann uns die Freiheit nehmen, bestimmte Arten von Gedanken überhaupt nur zu denken. Wir können, selbst wenn unsere Kultur uns viel individuellen Freiraum einzuräumen scheint, nur wenige unserer Ideen und Erfahrungen wirklich unser eigen nennen, denn sie sind von der Kultur immer schon gründlich gesiebt und gefiltert worden. Wie aber konnten unsere Urahnen die Grenzen ihrer voneinander isolierten Nervensysteme überwinden? Wie konnte dieses filigrane Gefüge der Kultur entstehen, das die Menschen aus dem Zwielicht befreite, in dem sie bis dahin gelebt hatten? Meine Antwort wird manch einen überraschen. Ich möchte in diesem Buch darlegen, dass die Kultur, ebenso wie ihre zwei wichtigsten Hervorbringungen, die Sprache und der Symbolgebrauch, aus einem radikalen Umbruch im Wesen des Bewusstseins hervorgingen. Kultur ist eine Schöpfung unserer Spezies, doch die Wurzeln dieser erstaunlichen kollektiven Leistung liegen ausgerechnet im individuellsten Ort von allen, im Bewusstsein des Einzelnen. Dort geht es, wie wir sehen werden, ganz anders zu, als die meisten sich das vorstellen. Bei der Bewusstseinstheorie, die ich in diesem Buch vorstelle, achte ich darauf, mich auf die Funktionsaspekte des Gehirns zu beschränken. Ich versuche also nicht zu erklären, wie das Bewusstsein aus einem rein materiellen Gebilde wie dem Gehirn hervorgegangen ist. Eines Tages werden wir vielleicht verstehen, wie es dazu kam. Unsere derzeitigen geistigen und wissenschaftlichen Möglichkeiten reichen aber meiner Meinung nach nicht aus, um hierzu eine auch nur im Ansatz tragfähige Theorie zu entwickeln. Wir beginnen gerade erst zu begreifen, mit welchen Schwierigkeiten dies verbunden ist. Eine ausgereifte Theorie des Bewusstseins muss nicht nur die kausalen Verknüpfungen zwischen der Tätigkeit des Gehirns und den spezifischen Eigenschaften des subjektiven Bewusstseins beschreiben, sondern auch die verwandelnde Kraft, die dem Bewusstsein eigen ist, sowie die Empfindungsqualitäten des bewussten Erlebens, also Emotionen, Stimmungen, Impulse und nuancierte Regungen wie Zweifel, Neid oder Ambivalenz. Wir sind noch weit davon entfernt, eine derartige Theorie aufstellen zu können. In den vergangenen 30 Jahren haben wir zwar in der Sinnesphysiologie große Fortschritte gemacht, doch unsere Erkenntnisse über die vielschichtigen Mechanismen der Sinneswahrnehmung und selbst über den am besten erforschten Sinneskanal, das Sehen, bringen uns der Lösung der Kernfrage nicht näher. Nichts in den Schichten und Säulen des visuellen Kortex oder im unendlich komplexen Mikrokosmos der Netzhaut liefert uns den geringsten Anhaltspunkt dafür, wie ein Gehirn ein Bewusstsein für visuelle Empfindungsqualitäten entwickeln könnte. Einige neuere Überlegungen zu den Ursprüngen des Bewusstseins, vor allem die von Roger Penrose und Francis Crick, sind anregend und äußerst wertvoll, dürften aber in der näheren Zukunft kaum zu einem entscheidenden Durchbruch führen, aus Gründen, auf die ich später, insbesondere in Kapitel 4, eingehen möchte. Wozu ist ein Buch wie dieses gut, wenn es nicht einmal einen kleinen Anlauf zu einer umfassenden Erklärung unternimmt? Die Antwort ist denkbar einfach: Es kann helfen, das Problem genauer zu verstehen. Denn die Konturen der Frage nach Ursprung und Funktion des Bewusstseins sind noch immer zu verschwommen. Wenn wir feststellen möchten, ob etwas sehr Großes tatsächlich existiert, zum Beispiel der durch Kalifornien verlaufende Sankt-Andreas-Graben, müssen wir auf Abstand gehen, um das Objekt überblicken zu können. Mit einem Mikroskop können wir etwas über Beschaffenheit von Gesteins- und Bodenschichten um den Graben herum herausfinden, aber nicht ermitteln, ob der Graben überhaupt existiert und welche Art von Phänomen wir insgesamt vor uns haben und erklären wollen. Um uns Überblick zu verschaffen, brauchen wir eher ein Fernrohr oder ein Satellitenfoto. So ist es auch mit dem Bewusstsein. Um das Wesen dieses vielschichtigen Phänomens zu beschreiben, müssen wir es aus der Vogelperspektive betrachten. Eines Tages, wenn man sich über die allgemeine Geographie des Bewusstseins verständigt hat, werden die mit unseren Labormikroskopen gesammelten Daten vielleicht viel mehr Sinn ergeben, weil sie sich in einen soliden theoretischen Bezugsrahmen einfügen lassen. Zuerst aber müssen wir uns darüber klarwerden, wie die großen Fragen überhaupt zu formulieren sind. Erst dann ist zu erwarten, dass wir die präzisen Zusammenhänge herzustellen vermögen, die wir für eine ausgereifte Theorie benötigen. Die Hauptfrage ist nach wie vor, wie der Begriff des Bewusstseins überhaupt zu bestimmen ist. Ich werde die Auffassung vertreten, dass wir uns nicht mit einer engen Definition begnügen dürfen, da es sich um ein übergreifendes Konzept handelt. In Kapitel 1 und 2 gehe ich auf verschiedene Aspekte ein, die mit der Definition des Bewusstseins zusammenhängen, und auf einige der vielen Versuche, das Konzept zu vereinfachen und auf eine einzige Dimension zu reduzieren. Zunächst setze ich mich in Kapitel 1 mit dem Denkansatz von Theoretikern auseinander, die ich die Hardliner nenne. Er bildete sich in der Psychologie wie auch in der Philosophie heraus und stützt sich auf Forschungsergebnisse der Linguistik und der Informatik. Die Hardliner sind eine heterogene Gruppe, deren gemeinsamen Nenner ich in dem Bestreben sehe, dem Bewusstsein seine Komplexität abzusprechen und es in eine simple operationale Definition zu zwängen. Die verschiedenen Schulen der Hardliner unterbreiten jeweils eigene Vorschläge, wie die Definition des Bewusstseins einzuengen wäre. Manche versuchen das Bewusstsein auf das Feld der Sinneswahrnehmungen zu reduzieren, andere postulieren, dass es vollständig an Sprache gebunden ist. Wieder andere setzen es mit dem Kurzzeitgedächtnis gleich. Das Zusammen spiel dieser Theorien klingt so dissonant, wie man das von einem Orchester erwartet, das keinen Dirigenten hat und sich nicht darauf einigen kann, welches Stück es spielen soll. Ich stehe so gut wie allen Thesen der Hardliner skeptisch gegenüber. In Kapitel 3 werde ich meine Einwände gegen sie näher ausführen und andeuten, in welche Richtung meine eigene Theorie zielt. Hier möchte ich aber schon einige meiner Kernthesen nennen. Erstens ist der Aktionsradius des Bewusstseins nach meiner Ansicht wesentlich größer als die meisten Hardliner annehmen. Das menschliche Bewusstsein erschöpft sich nicht in der Sinneswahrnehmung, denn diese gibt nicht mehr als seinen Vordergrund ab. Es fällt auch nicht mit der Sprache zusammen, die allenfalls sein Abkömmling und stets dienstbarer Sklave ist. Das Bewusstsein ist vielmehr eine multidimensionale, multizentrische Fähigkeit, ein festgefügtes kognitives System mit weit in die Evolutionsgeschichte zurückreichenden Wurzeln. Es hat im mentalen Leben des Menschen eine Leitfunktion inne und nimmt aus einer Reihe von Gründen eine Sonderstellung ein. Die außerordentliche Fähigkeit zur bewussten Verarbeitung von Informationen lässt sich als eines der Bestimmungsmerkmale unserer Gattung auffassen. In Kapitel 4 befasse ich mich mit der Evolutionsgeschichte des Bewusstseins sowie mit der Frage, welche Lebewesen wohl dem » Bewusstseinsclub « angehören. Mitglieder in diesem Club sind, wie ich zeigen möchte, auch verschiedene Tierarten, mit denen wir, nach der Anatomie ihres Gehirns und ihrem Verhalten zu urteilen, einige Aspekte des Bewusstseins gemein haben. Ich erörtere die Evolution des »Exekutivsystems«, einer komplexen Gehirnstruktur, die wir von unseren Urahnen geerbt haben und in der sich die Entwicklungsstufen des Bewusstseins widerspiegeln. Ich unterscheide drei grundlegende Schichten der Bewusstseinsentwicklung. Das Bewusstsein der Stufe 1 gründet in den Mechanismen der perzeptuellen Bindung, das heißt der elementaren Wahrnehmungskohärenz, die sich vermutlich bei den gemeinsamen Vorfahren von Vögeln und Säugetieren herausgebildet haben. Das Bewusstsein der Stufe 2 fußt auf dem Kurzzeitgedächtnis, das den Mechanismus der perzeptuellen Bindung voraussetzt und die zeitliche Reichweite des Bewusstseins ausdehnt. Wir finden es vor allem bei Säugetieren, möglicherweise aber auch bei einigen anderen Tierarten. Das Bewusstsein der Stufe 3 gründet in dem, was ich das Leitsystem der »mittleren Zeitebene« nenne. Über diese Form des Bewusstseins verfügen Primaten, einige weitere gesellschaftlich lebende Säugetiere und wir Menschen. Das Bewusstsein der Stufe 3 schiebt die zeitlichen Grenzen des Arbeitsgedächtnisses noch weiter hinaus und fügt außerdem der bewussten Informationsverarbeitung eine metakognitive Dimension der Überprüfung hinzu, durch die der Geist die eigene Tätigkeit in gewissem Maße zu überwachen vermag. In Kapitel 5 komme ich auf die Frage zurück, worin die kennzeichnenden Merkmale des menschlichen Bewusstseins gründen. Offenbar müssen vier wesentliche Voraussetzungen gegeben sein: ein erweitertes Exekutivsystem, eine außerordentliche Plastizität der Gehirnstrukturen, eine stark erhöhte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses und vor allem eine Symbiose von Gehirn und Kultur, die ich als »tiefgreifende Enkulturation « bezeichne. Ich stelle einen » konstruktivistischen « Erklärungsansatz zur menschlichen Kognition vor, der auf den französischen Philosophen Etienne Bonnot de Condillac zurückgeht. Aus konstruktivistischer Sicht baut sich der Geist, ausgehend von den ihm zugänglichen Erfahrungen, gleichsam selbst zusammen und wird dabei von einem Repertoire angeborener Funktionen geleitet, die in etwa den Grundkomponenten des Bewusstseins entsprechen. Ich werde darüber hinaus auf die äußerst aufschlussreiche Lebensgeschichte von Helen Keller eingehen und anhand dieses Beispiels herausarbeiten, von welch entscheidender Bedeutung die Kultur für den Selbstaufbau eines menschlichen Geistes ist. Wenn wir das konstruktivistische Modell des Selbstaufbaus mit einer Darwin'schen Herleitung der Bewusstseinsentstehung zusammenbringen und beides mit einer Beschreibung der kognitiven Strukturen heutiger Menschen verschmelzen, welche die Kultur in den Mittelpunkt rückt, ergibt das ein tragfähiges theoretisches Fundament, von dem ausgehend wir das Charakteristische des menschlichen Bewusstseins vollständig erfassen oder zumindest seine wesentlichen Dimensionen beleuchten können. In den letzten beiden Kapiteln 6 und 7 lege ich einige der Schlussfolgerungen dar, die sich aus dieser Herangehensweise und aus meinen früheren Überlegungen zur Evolution der menschlichen Kognition ergeben. Ich werde zeigen, dass unser Bewusstsein die biologische Basis für die Entstehung von Kultur, symbolischem Denken und Sprache ist. Umgekehrt ist Kultur auch der einzige Schlüssel zur Erklärung der charakteristischen Eigenschaften unseres Bewusstseins. Ohne tiefgreifende Enkulturation sind wir so gut wie außerstande, das in unserem enorm großen Gehirn schlummernde Potenzial zu nutzen, denn die konkrete Ausgestaltung der kogni tiven Struktur ist nicht genetisch vorgegeben. Unser Gehirn hat sich in Koevolution mit der Kultur entwickelt und ist in besonderer Weise an das Leben in einer Kultur angepasst und darauf angelegt, sich an ihre kognitiven Algorithmen und ihr Wissensgefüge zu assimilieren. Die Konzeption unseres Gehirns »unterstellt « gewissermaßen, dass ein kulturelles Speichersystem existiert, das seine volle Entfaltung gewährleisten wird. Das ist der einzig gangbare Weg, die Evolution der Sprache theoretisch so zu fassen, dass der Zusammenhang und die Kontinuität mit unserer evolutionsgeschichtlichen Vergangenheit gewahrt bleiben. Der kulturell vermittelte mentale Austausch ist ein kennzeichnendes Merkmal unserer Art, das eng mit dem Bewusstsein verwoben ist. Die menschliche Kultur nahm ihren Anfang in der fernen Vergangenheit mit einem Anpassungsschritt, der mit Sprache nichts zu tun hatte. Damit die Sprache oder andere einzigartige Hervorbringungen des Menschen wie Mathematik, sportlicher Wettkampf, Musik oder Schrift entstehen konnten, mussten sich nicht eigens neue Mechanismen herausbilden, die angeboren und fest im Gehirn verankert sind. Die dafür notwendigen Fähigkeiten entstanden vielmehr als Nebenprodukte der sich vertiefenden Symbiose unseres Gehirns mit der im mentalen Austausch gründenden Kultur. Sprache kann nur im Zusammenhang der Gruppe entstehen und ist ein über viele Gehirne verteiltes, kulturgebundenes Gebilde. Wir Menschen haben eine neuartige Entwicklungsstrategie ausgebildet, die darauf zielt, dass wir Informationen, die für das Tradieren von Vorstellungen und die Reproduktion von Handlungen wesentlich sind, in unsere kulturellen Gedächtnissysteme auslagern. Die für unseren Geist charakteristischen Algorithmen sind ursprünglich zwar aus Kollektiven von Gehirnen hervorgegangen, die mit Bewusstsein ausgestattet und über eine Kultur miteinander verbunden waren, doch haben die Speicher, in denen diese Algorithmen gesammelt und gelagert werden, mittlerweile ein gewisses Eigenleben entwickelt und sind zu einem wesentlichen Bestandteil der Strategie geworden, mit der wir das Feld des menschlichen Bewusstseins immer wieder von Neuem reproduzieren und seine Grenzen beständig weiter hinausschieben können. Der Grund für unsere Einzigartigkeit liegt nicht in unserem Gehirn, dessen Grundstruktur sich auch bei anderen Lebewesen findet. Er ist vielmehr darin zu suchen, dass wir eine existenzielle Abhängigkeit von unseren kollektiven Speichersystemen entwickelt haben. Sie enthalten den Schlüssel zum Selbstaufbau des Geistes. Das große Paradox des menschlichen Daseins besteht darin, dass wir einerseits Individualisten und andererseits, um unsere Individualität zur Entfaltung bringen zu können, fast vollständig auf die Kultur angewiesen sind. Der Preis für die Individualität war, dass wir die kognitive Isolation und solipsistische Vereinzelung, in der alle Tiere leben, hinter uns ließen und Teil eines mentalen Kollektivs wurden.
 

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