Philosophen des 18. Jahrhunderts
Mathematisch-metaphysische Tendenzen der Logik im 18. Jahrhundert
Schenk, Günter (Hg)
2009, 386 S, Kt, (Schenk)
Bestell-Nr. 147810

34,00 EUR

Sine libertate philosophandi - nullus est scientiae progressus.(Christian Wolff, 1728)
 
Vorwort Mit Christian Wolff wird ein neuer Akzent in der Aufklärungs-philosophie gesetzt, welcher sich am Leitbild der Mathematik und Metaphysik orientiert. Wolff und ihm folgend seine Anhänger sehen in der mathematischen Methode eine allgemeingültige, objektiv voraussetzende formale Methode und in den rational formulierten Prinzipien des Seinsdenkens, ihrem Inhalte nach, metaphysische Prinzipien (z. B. im Satz vom zureichenden Grunde, im Satz vom verbotenen logischen Widerspruch). Ähnlich, wie die vorangegangenen Denker der Aufklärungsphilosophie, steht die zweite Generation der protestantischen Schulphilosophie in der Tradition des leibnizschen Geistes. Ziel war es, alles Wissen hinreichend begründen und systematisch miteinander verknüpfen zu wollen; dabei galt es, die Methode der Mathematik, die Gegenstände der Erfahrung und die Prinzipien der Metaphysik zu berücksichtigen.2 Mit diesem Programm wurde die umfassendste Reform der Philosophie im 18. Jahrhundert eingeleitet, die über 50 Jahre das wissenschaftliche Denken in Europa beeinflußte. Wolff kam, mit einer Bestallung zum Professore Matheseos Ende 1706 nach Halle, wo er, nach eigenen Worten, einen Zustand antraf, der anders als der gewünschte war. "Die Mathematick war eine unbekanndte und ungewohnte Sache, von der Solidität hatte man keinen Geschmack und in der Philosophie dominirte H. Thomasius, dessen sentiment aber und Vortrag nicht nach meinem Geschmack waren. Daher ließ ich mich die ersten Jahre mit der Philosophie gar nicht ein und laß nur über Sturms Tabellen in der Mathematick,3 über die Algebra nach meinen MSC. , ingleichen über die Baukunst und Fortification privatissime. Als aber in kurtzer Zeit der H. Hoffmann4 nach Berlin als LeibMedicus gieng, welcher vorher die collegia experimentalia gehabt hatte, schaffte ich mir Instrumente an und laß anfangs über die Physicam experimentalem, nach diesem auch die über Physicam dogmaticam. Und weil alsdann einige waren, die mich aufmunterten, ich möchte auch über die andern Theile der Philosophie lesen, so bequemete ich mich auch dazu, doch muste gleich vielen wiedrigen Urtheilen unterworffen seyn und fehlete es nicht an solchen Leuten, die mich zu verkleinern suchten, daß nicht den Beyfall gewinnen können, den ich in Leipzig gehabt hatte. Das praejudicium war anfangs so groß, daß man nicht einmahl verlangte, nur aus Curiosität mich zu hören, bis endlich einige, die bey Thomasio, Gundlingen und D. Rüdigern6, der dazumahl in Halle war, collegia gehöret hatten, aus Curiosität doch hören wollen, was ich denn docirte […]. Da nun diese bey mir mehrere satisfaction fanden und in Gesellschaften, wenn von philosophischen und anderen gelehrten Sachen die Rede war, den andern überlegen waren, so brach ich endlich auf einmahl durch und der applausus vermehrete sich dergestalt, daß ich vieler Misgunst auf mich lud, weil man vermeinte, als wenn ich eine Verachtung ihrer zu wege brächte. Insonderheit entstunden gleich Klagen bey den Herrn Theologis, als wenn denen Studiosis ein Ekel vor der Theo-logie, ja gar der Schrift beygebracht würde, als einige studiosi beßere Erklärungen und Beweis von ihnen forderten. Ja es fehlete auch nicht an Juristen, welche die studiosos zu bereden suchten, als wenn ich sie zu ihren Hauptwercke untüchtig machte, doch erkennten diejenigen, welche mir anhingen, die Sache beßer, als daß sie sich dadurch von mir hätten abhalten lassen."7 Neben solchen akademischen Streitigkeiten zwischen unterschiedlichen philosophischen Paradigmen geriet Wolff in schwerwiegendere weltanschauliche Konflikte. Diese begannen, ähnlich wie vor ihm im Fall des Juristen Thomasius,8 als der Mathematik-Professor Wolff die Grenzen seines Berufungsgebietes zu überschreiten be-gann. Mit der Publikation seiner Deutschen Metaphysik9 1720 geriet er in den Verdacht des Determinismus und Atheismus. Am eifrigsten war in dieser Frage der pietistische Theologe Joachim Lange am Werke. Beide sind Denker der Aufklärung: "Liegt bei Wolff die Betonung auf der Freiheit des Philosophierens und der prinzipiellen Anwendung mathematisch-naturwissenschaftlicher Methoden auf philosophische Probleme, liegen die Akzente bei Lange in der Herausstellung der Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen (vor Gott). Es ist eine frühe - freilich stark christlich motivierte - Verteidigung der Freiheit gegenüber dem universalen Geltungsanspruch der Physik und seinen Folgen."10 Sprach sich Lange beim König für ein Lehrverbot für Wolff aus, so intervenierten der Kavalleriegeneral von Natzmer und der Generalmajor von Löben beim Soldatenkönig und erklärten ihm, daß die Wolffsche Philosophie letzlich dahin führe, daß die Desertation von Soldaten nicht bestraft werden dürfe, da eine solche aus vorherbestimmten Notwendigkeiten erfolge.11 Es waren wohl vor allem die Vorwürfe hoher Militärs, die veranlaßten, daß Wolff 1723 den preußischen Staat verlassen mußte. Wolffs Sturz in Halle dürfte auch damit verursacht worden sein, daß er wiederholt durch den Hof auf die Universität zu wirken bemüht gewesen war. "Bei dem preußischen Hofe nämlich setzte Wolff die Anstellung seines Schülers und ehemaligen Famulus Thümmig an der Universität zum Verdruße der Fakultät durch und brachte auf deren Weigerung seinen Schützling als Professor anzunehmen, eine scharfe Rüge ein."12 Ludwig Philipp Thümmig, der "Lieblingsschüler" Wolffs verlor mit dessen Vertreibung umgehend seinen gerade erhalten Lehrstuhl wieder und verließ mit Wolff Halle. Wolffs Lehrstuhl erhielt Johann Joachim Lange (1698-1765), ein Sohn des Wolffgegners Joachim Lange. Auf den freigewordenen Lehrstuhl von Thümmig folgte Daniel Strähler, ein ehemaliger Schüler Wolffs und nunmehriger Gegner. Für unser Anliegen ist die Schrift von Thümmig Institutiones Philosophioae Wolfianae, in usus academicos adornatae (Frankfurt/Leipzig 1725) relevant. Dieses zweiteilige Werk, ein im "römischen Gewand"13 verfaßtes Lehrbuch für das Collegium Carolinum in Kassel, enthält zum einen in Form von Distinktionen und Definitionen eine Quintessenz der Wolffschen Philosophie und zum anderen eine präzise lateinische Terminologie, die Wolff für den Aufbau seiner lateinischen Werke nutzen konnte. Thümmig unternimmt auch Korrekturen am Wolffschen Werk, vor allem an solchen Themen, die insbesondere der Kritik ausgesetzt waren, u. a. an der Wolffschen Vorstellung von der "vorherbestimmten Harmonie", die von Thümmig nur noch als Hypothese14 behandelt wird. Wie bereits erwähnt, beanspruchte Daniel Strähler den Lehrstuhl, auf den Wolff Thümmig verholfen hatte. Diesbezüglich führte Strähler juristischen Streit. Für die Wolffgegner war er so auch leicht zu gewinnen, aus einem ehemaligen Wolff-Schüler einen Wolff-Gegner zu formen. Mit Versprechungen auf den freien Lehrstuhl konnte er dazu gebracht werden, eine Prüfung der vier Teile der Wolffschen Metaphysik15 in Jena herauszubringen. In der Vorrede bemerkt Strähler zwar, daß seine Schrift alles das erfülle, was Wolff von einer Streitschrift fordere, um dann zu behaupten, daß aus der Wolffschen Metaphysik der Atheismus und die Fatalität folge. Für seine Unterstützung der Wolffgegner bekam er 1723 eine a.o.Professur, auf die ordentliche Professur muß er allerdings noch zehn Jahre warten. Man schätzte zwar den Seitenwechsel, aber nicht den Überläufer. Wir skizzieren in dieser Edition Strählers Weg vom Wolff-Kritiker zur wissenschaftlichen Selbstfindung über drei seiner Publikationen. Auf Wunsch von Gotthilf August Francke wird der pietistische Theologe Johann Liborus Zimmermann 1731 als Nachfolger des halleschen Theologieprofessors Paul Anton nach Halle berufen. Zimmermann, der während seines Studiums in Jena von Franz Budde gefördert worden war, legte 1730 die Schrift Kurtzer Abris einer vollständigen Vernunft-Lehre in Tabellen verfasset, zum Gebrauche eines Collegii Logici verfertiget, und nebst einem Anhange Vom Eigenen Nachsinnen vor. Diese Schrift ist eine für Theologie-Studenten verfaßte und vorgetragene Logik, in der eine Reihe Ideen von Wolff kritisch eingebaut werden. Wir haben einen Teil zum Abdruck ausgewählt, der besonders deutlich dem pietistischen Menschenbild verpflichtet ist. Nach dem Tod von Christian Wolff 1745 wünschte sich der preußische König, daß die Professur für Physik und Mathematik durch eine geeignete Persönlichkeit besetzt werden solle. Mit der Auswahl wurde Leonard Euler beauftragt. Dessen Wahl fiel auf Johann Andreas von Segner (1704-1777), der dann 1755 nach Halle berufen wurde. Er kann zu den Anhängern der Wolffschen Philosophie gerechnet werden. Bezüglich der Logik setzte er konsequent die Mathematisierung fort und unterbreitete den Lehrstoff more geometrico. Wir skizzieren das Kernstück der klassischen Logik in der Segnerschen Fassung: Specimen Logicae universaliter demonstratae (1741). Sein logisches System sollte möglich frei sein von den Zwängen der natürlichen Sprache. "For, according to Segner, no natural language is perfect, and none of the historically given languages is completely alike to another one. Therefore a logic based on any particular language lacks the universal validity which can only be achieved through the study of the universal laws of thought."16 Mit den Specimen wird uns ein axiomatisches System der Logik vorgestellt, das sich der logisch-mathematischen Zeichen bedient. Wenn auch v. Segners akademische Tätigkeit in Halle in den Zeitabschnitt unseres dritten Bandes fällt und dort ausgewiesen ist,17 gehört er doch in den Gedankenkreis des vorliegenden Bandes.
 

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