V.V. Nalimov (1910–1997)
Leben und Werk eines russischen Enzyklopädisten des XX. Jahrhunderts
Zolotukhina-Abolina, E. V.
2009, 178 S, Kt, (trafo)
Bestell-Nr. 148227

32,80 EUR

Vassilij Vassilievich Nalimov (1910–1997) ist ein ungewöhnlicher Autor. Vor dem Hintergrund einer Vielzahl philosophischer Publikationen, die nicht selten eine kompakte und schwer zu gliedernde Einheit bilden, zeichnen sich seine Arbeiten stets dadurch aus, dass ihr Gesicht aus der allgemeinen Masse hervorsticht. Gewiss, manchmal können sie schockieren, durch Mathematik Angst einjagen, sie können merkwürdig oder sogar skandalös erscheinen – je nachdem, wie sie gelesen werden – aber zu allen Zeiten waren die Bücher Nalimovs unbestreitbares Zeugnis der Klarheit und Ursprünglichkeit seiner Persönlichkeit. Vassilij Vassilievich schuf eine ganze philosophische Welt, sein intellektuelles Universum, das reich an Bildern, Gedanken und Ideen ist. Vielleicht ist dieses philosophische Universum gerade deswegen interessant, weil der Autor, indem er einen eigenen Blick auf die Realität anbietet, nicht eine Minute lang bei Erreichtem stehen bleibt, weil er seine Ansichten nicht als „der Weisheit letzten Schluss“ einfriert, sondern im Gegenteil sich immer und immer wieder neue Fragen stellt (Fragen, davon ist er überzeugt, bringen selbst schon Neues in unser Denken). Ständig wiederholt er in seinen Büchern, dass er mehr Fragen als Antworten hat, und das regt den Gedanken des Lesers an – zwingt den Leser zusammen mit ihm auf eine unterhaltsame Denkreise, das Neue suchend, das wahrscheinlichkeitsorientierte Verstehen der Realität genießend.

V.V. Nalimov steht mit vollem Recht in einer Reihe mit solch herausragenden Vertretern des russischen philosophischen Denkens wie M.M. Bakhtin, A.F. Losev, Yu.M. Lotman, L.N. Gumilev.V.V. Nalimov, ein Gelehrter mit enzyklopädischem Wissen, ist eine so seltene Erscheinung in der zeitgenössischen offiziellen Wissenschaft, in welcher Analyse und Enge der Problemstellung viel stärker gepflegt werden als deren Synthese und integrative Erfassung. Dagegen zeigen die Arbeiten Nalimovs, dass die Zeiten der Enzyklopädisten nicht vorbei sind und dass es möglich ist, in gleichem Maße führend zu sein in Mathematik und Philosophie, Physik und Esoterik, Psychologie und Sprachwissenschaft, und dass sich naturwissenschaftliche Experimente mit meditativem Experimentieren im Rahmen der inneren Welt verbinden lassen. Nalimov ist ein Synthetiker des Geistes, er will Mathematik, Philosophie und Esoterik vereinen, deren Berührungspunkte und wechselseitiges Aufkeimen erspüren.Es ist auffällig, dass sich der Drang zur Integration scheinbar völlig verschiedener Dinge sogar im Stil widerspiegelt, in welchem Vassilij Vassilievich seine Ideen darlegt. In seinen klaren, talentierten, immer in der ersten Person geschriebenen Texten vereinen sich die Strenge des Mathematikers, der seine Axiomatik baut, mit dem Essay-Stil des Humanwissenschaftlers, Schriftstellers, Poeten. Von hier aus, von dem klar erkennt-lichen Drang zur Integration, kommt auch die Hinwendung zu den Positionen so vieler Autoren, auf deren Auffassungen sich Nalimov bei seinen Überlegungen stützt. Es sind Autoren, die in unterschiedlichen Sprachen schreiben und oftmals nicht ins Russische übersetzt sind. Doch Vassilij Vassilievich, der drei Fremdsprachen beherrscht, kann den Dialog sowohl mit Amerikanern als Europäern führen. Jeder Autor wird genau und klar vorgestellt, die Darlegung seiner Position erfolgt mit seinen eigenen Worten, und aus vielen Stimmen der Vergangenheit und der Neuzeit entsteht ein Chor, welcher die forschende und interpretierende Sicht Nalimovs festigt und bestätigt. Gerade Vassilij Vassilievich sollten wir – abgesehen von seinen übrigen Verdiensten – dafür dankbar sein, dass er uns mit den Ideen von Stanislav Grof und Ken Wilber zu einer Zeit bekanntgemacht hat, als sie in unserem Land noch keiner kannte.

Es ist so wichtig, dass Nalimov kein dogmatischer Adept einer vor­gefassten Meinung und nicht deren unkritischer Propagandist ist. Er schreibt über sich: „Ich predige nicht. Mein Gedanke ist frei. Ich verbeuge mich nur vor der Freiheit. Gewalt und Macht erkenne ich nicht an. Am meisten fürchte ich die Dummheit, die schicksalhaft über uns hängt. Wir brauchen jetzt den von Dummheit befreiten, vielfältigen Gedanken“ [6, 10]. Für ihn war am wichtigsten ein interessierter Dialog der Philosophen, eine schöpferische Atmosphäre, die Möglichkeit des Gedankenfluges – alles Dinge, welche die Meinungsvielfalt sicherstellen. Und dann ist es noch wichtig, das (geistige) „Tätigsein“ zu verwirklichen.Das Thema des „Tätigseins“ (mit großem Anfangsbuchstaben im Russischen, M.B.) taucht in den Arbeiten Nalimovs ständig auf. „Tätigsein“ ist eine Aktivität des menschlichen freien Willens, das äußerst wichtige Auftreten einer Persönlichkeit, es ist die Fähigkeit, den Stand der Dinge dadurch zu verändern, dass neue Situationen herbeigeführt werden, dass ein neues Verständnis alter Wahrheiten geboren wird. „Tätigsein“ hört niemals auf, es setzt sich fort auch nach dem Tode des physischen Körpers, in neuen Dimensionen des Seins. „Tätigsein“ ist das Leitmotiv der Arbeiten von V.V. Nalimov.
 

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