Von der Lüge und anderen Wahrheiten
Anregung zu philosophischen Streitgesprächen
Rose, Uta
2011, 136 S, Kt, (custos)
Bestell-Nr. 231219

9,90 EUR

Philosophieren fasziniert. Vielfalt der Perspektiven, kritischer Abstand, Argumente durchdringen, Überblick behalten – so stellt man sich philosophisches Denken vor. Doch die Lust am Denken regt sich überall und bei jedem, wenn sich Fragen stellen, auf die es keine ausreichende Antwort gibt. Oder wenn sich Dinge ereignen, die man nicht versteht. Auch Brüche und Veränderungen im Leben fordern uns heraus und konfrontieren uns mit Fragen nach Sinn und Orientierung.

Dr. Uta Rose hat eine Auswahl an Themen und Problemstellungen aus dem täglichen Leben in zwölf Kapiteln zusammengestellt. Eine philosophische Einführung in Themen wie Geld, Wahrheit, Muße oder Gerüchte bilden die Grundlage für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema. Weitere Anregung zur Beschäftigung oder Diskussion über das Thema liefern gezielt formulierte Fragen am Ende eines jeden Kapitels.
 
Auszug

Muße – elitärer Idealzustand oder
aller Laster Anfang?

Freie Zeit ist nicht schon Muße; es kommt darauf an, mit welcher Art Tätigsein sie ausgefüllt ist. Diese Feststellung aus dem 20. Jahrhundert weist zurück auf die Zeit zwischen 420 und 320 v. Chr. ins antike Griechenland, nämlich auf Platon und Aristoteles, die die Kunst der Muße theoretisch begründeten.
Bei Platon (427-347 v. Chr.) ist Muße (griech. s-cholè) die Voraussetzung für Philosophie überhaupt, Philosophie verstanden als Versenkung in die Dinge mit „interesselosem Wohlgefallen“, die Betrachtung, das geistige Schauen dessen, was der sinnlichen Wahrnehmung nicht zugänglich ist (griech. theoria). Voraussetzung dazu ist allerdings eine besondere Freiheit. Zur Ausübung der theoria muss der Philosoph zunächst befreit sein von den Forderungen des Leibes, das heißt, von den Dingen, die für das Überleben notwendig sind. Er soll auch befreit sein von allen Ämtern und Pflichten. Eine Freiheit ist immer Freiheit von ... (etwas) und mithin Freiheit zu ... (etwas anderem). Die Muße ist somit Freisein von privaten und ökonomischen Geschäften (griech. à-s-cholia), damit man frei ist für die theoria. Im antiken Griechenland ist diese Muße nur möglich an einem bestimmten Ort: der Polis, das ist der griechische Stadtstaat in seiner Idealform, der sowohl das Nötige für das Überleben gewährt als auch die Muße. Platon bestimmt folglich die Tätigkeit, der man in der Muße nachgeht, als theoria. Und diejenigen, die die Muße repräsentieren, sind die Philosophen und die für die Polis Handelnden Sie sind durch Sklaven von den Arbeiten, die zur reinen Überlebensnotwendigkeit gehören, befreit. Diejenigen, die nicht zu dieser elitären Schicht gehören, sind die banausoi, die Banausen. Zu diesen zählen im antiken Griechenland auch die lohnbringenden Künste und Handwerke.

Aristoteles (382-322 v. Chr.), Platons Meisterschüler, denkt anders als sein Lehrer über die ideale Verfasstheit einer Polis nach, um hier das „gute Leben“ zu verwirklichen. Modern ausgedrückt denkt er über die ideale Verfassung eines freiheitlichen Gemeinwesens nach, womit wir ja gegenwärtig immer noch und immer wieder neu befasst sind. Um das Ziel des Gutlebens zu erreichen, muss man Aristoteles zufolge in bestimmter Weise tätig sein. Mit dem Satz „Wir sind tätig, damit wir Muße haben“ zeigt Aristoteles das Grundverhältnis von Arbeit und Muße an, aber nur die Muße verschafft dem Menschen den Freiraum für das „gute Leben“. Wird aber das gute Leben mit Wohlleben im Luxus bestimmt, wo man sich alle erdenklichen Genüsse leisten kann, liegt darin die Gefahr, durch die Hingabe an diese Genüsse erneut von den dadurch entstehenden Bedürfnissen abhängig zu werden. Die Abhängigkeit von Bedürfnissen bedeutet aber eine Wiederkehr des Zwangs, der uns schon von der Befriedigung der Bedürfnisse, die für das Überleben notwendig sind, bekannt ist.

Aristoteles weist in diesem Zusammenhang auf eine Eigentümlichkeit des Menschen hin, seine neoplexia, das ist die unendliche Begehrlichkeit, die nie an ein Ziel gelangt. Um ihr zu begegnen, bedarf es einer Haltung des besonnenen Maßhaltens (die Tugend der sophrosyne). Indem die Menschen in einem Gemeinwesen in Besonnenheit klug überlegen, können sie das ideale „mittlere“ Maß finden zwischen einem Zuwenig und einem Zuviel, zwischen der Bedürfnisabhängigkeit der Armut (dem Untermaß der Bedürfnisbefriedigung) und der neuen Bedürfnisabhängigkeit des Überflusses (dem Übermaß der Bedürfnisbefriedigung). Für diese Überlegungen bedarf es aber der Muße, d.h. der Freiheit von den Überlebensnotwendigkeiten, und damit der Freiheit dazu, darüber nachdenken zu können, das gemeinsame Leben in der Weise zu gestalten, dass das Gemeinwesen autark ist. Denn autarkeia, die Autarkie, ist das erklärte Ziel einer Polis. Nach Aristoteles ist es sowohl Aufgabe des Gesetzgebers als auch das Ziel der Erziehung sowie das Kennzeichen einer guten Herrschaft, auf die Schaffung von Muße zu achten. Entsprechend sorgt nämlich ein Tyrann dafür, dass niemand Muße hat. Achtet die Erziehung nicht auf die Schaffung von Muße, so führt sie zur Knechtschaft. Das Stichwort Erziehung nötigt zu einem Blick auf das griechische Wort für „die Muße pflegen“ = s-cholazein. Das Verb s-cholazein ist abgeleitet von dem Substantiv s-cholé, Muße, woraus über die Latinisierung „schola“ unser Wort „Schule“ wurde. Die Muße ist die freie Zeit, in der die Menschen vom Druck der unmittelbaren Überlebensnot entlastet sind und Dinge tun können, die nicht der Befriedigung der Bedürfnisse zur Sicherung des Überlebens dienen. Muße ist also Grundlage des Freiseins.

Muße kennzeichnet einen zentralen Bereich menschlichen Lebens. Und dieser Bereich wird angesichts unserer modernen Situation immer bedeutender. In den Sozialwissenschaften stellt man eine Totalisierung der Arbeitsgesellschaft fest. Arbeit ist zum Grundmuster modernen Lebens geworden, Arbeit wird mit Tun und Tätigkeit identifiziert, nicht mehr mit Schweiß und Mühsal. So wird der Acker bestellt, ein Kunstwerk geschaffen, ein Tisch hergestellt, soziale Beziehungen geordnet, Trauerarbeit geleistet. Dazu bemerkt Friedrich Nietzsche schon vor über hundert Jahren in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“: „Man schämt sich schon der Muße; das lange Nachdenken macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet - man lebt wie einer, der fortwährend etwas „versäumen“ könnte. „Lieber irgend etwas tun als nichts“ - auch dieser Grundsatz ist eine Schnur, um aller Bildung und allem höheren Geschmack den Garaus zu machen.“

Freizeit ist auch keine wirkliche Alternative zur Arbeit, denn sie ist in den Kreislauf von Produktion und Konsum eingebunden. Freizeit ist nicht die Befreiung von den ökonomischen Zwängen der Arbeitswelt, sondern eher eine andere Form der Arbeit. In der Freizeit geht es auch um Wachstumsraten und Kapitalerhöhungen, mal auf ökonomischem Gebiet des Kapitals, mal auf kulturellem oder sozialem. Folglich ist die Kunst der Muße nur noch Müßiggang, und Müßiggang steht im Verdacht, „aller Laster Anfang“ zu sein (Martin Luther). Unsere Sprache verrät, wie sehr die Freizeit in der Nähe der Arbeitswelt verbleibt. In der Freizeit wird Sport getrieben, in Kultur investiert oder schlicht die Zeit totgeschlagen. Die Freizeitforschung hat herausgefunden, dass Menschen aus Langeweile oder auf der Suche nach Abwechslung ins Auto steigen, um dann einfach in der Gegend herumzufahren. Freizeit füllt nicht mehr aus, man findet sie langweilig oder sinnlos. Das führt zu Freizeitstress, Erholungsneurasthenien, Wochenendmelancholien und Feriendepressionen.
Es gibt also genügend Gründe, uns an die Muße zu erinnern oder sie neu zu erlernen. Vielleicht sollten wir uns umsehen, um andere kulturelle Mußepraktiken und Mußeformen kennenzulernen und sie zu erproben.

Muße ist erfahrbar. Als Beispiele sollen der jüdische Schabbat und eine ostasiatische Perspektive jenseits von Aktivität und Passivität als eine Handlungsform der Muße dienen. Einhalten und Gedenken des Schabbats ist eines der Zehn Gebote und steht symbolisch für die Erschaffung der Welt und den Auszug aus Ägypten, der Befreiung aus der Knechtschaft. Der Schabbat ist nicht als ein Mittel zum Zweck da, um vielleicht die Leistungsfähigkeit für den nächsten Tag zu erhöhen. Er soll dahin wirken, dass Menschen nicht ununterbrochen arbeiten und somit Sklaven des Daseins werden, es soll die Spiritualität des Daseins erfahren werden. Am Schabbat ist keine Tätigkeit, sondern das Lassen, das Nichttätigsein geboten. Die Zeit wird gestaltet, gefeiert. Dafür gibt es eine Reihe von Ritualen verbunden mit sinnlichen Wahrnehmungen: sehen, schmecken, riechen, hören, tasten. Eines der Rituale ist der Kiddusch, die Heiligung des Schabbat durch einen Segensspruch. Dafür muss die Frau des Hauses ca. 20 Minuten vor Sonnenuntergang mindestens zwei Kerzen anzünden und den Segensspruch über die Kerzen sprechen. Der Segensspruch zur Heiligung des Schabbat erfolgt, nachdem der Familienvater aus der Synagoge zurückgekehrt ist und die Familie mit „Schabbat Schalom“ grüßt und die Kinder durch Handauflegen segnet. Ist man in einer Familie, steht man um den gedeckten Tisch, auf dem ein Teller mit zwei von einem Tuch bedeckten Schabbatbroten (Challot) steht, sowie ein mit rotem Kidduschwein gefüllter Kidduschbecher. Es folgen Gebete und weitere Rituale sowie Ruhezeiten und Gottesdienst, bis der Schabbat am nächsten Abend ausklingt.

Zum Übergang zur ostasiatischen Handlungsform der Muße nun ein Zitat aus der japanischen zuihitsu-Literatur, und zwar den berühmten Satz aus Yoshida Kenkos Tsurezuregusa (heißt übersetzt ungefähr: „Gewächse aus einsam verlassener Muße“). „In einsam verlassener Muße, all seine Tage vor dem Tuschstein zu hocken und nichts Besseres zu wissen, als absichtslos und offen aufzuschreiben, was einem gerade in den Sinn kommt, das ist schon ein seltsames Gefühl.“ Zuihitsu bedeutet: Dem Pinsel folgen. Der zitierte Satz bringt zum Ausdruck, dass der Schreibende keine besondere Absicht verfolgt und auch kein bestimmtes Ziel vor Augen hat. Er ist im Grunde „leer“ und lässt die Dinge so geschehen, wie sie von selbst in ihm aufsteigen. Er ist offen für das, was in und vor ihm erscheint. Der Schreibende macht sich zum Nicht-Eigentum seiner selbst. Dieses absichtslose Tun ist sprachlich vermittelt und für uns nicht ohne weiteres nachvollziehbar, einmal durch subjektlose Sätze - wie den zitierten - und die grammatische Zeitform des Mediums, die es bei uns nicht gibt. Wir unterscheiden grammatikalisch zwischen aktiv und passiv. Das Medium bringt einen Vorgang oder eine Handlung weder einfach nur als aktiv noch nur als passiv zum Ausdruck, es ist ein Lassen, das man die besondere Gestimmtheit in der Muße nennen kann. Muße ist hier ein Lassen, indem zugleich aus dem Lassen Neues entsteht, das nicht direkt dem Willen des Handelnden unterstellt ist. Im Falle der Zeichnungen auf dem Tuschstein lässt der Zeichnende den Pinsel gewähren nach dem, was sich gerade ergibt.
In der Rückwendung auf den westlichen Alltag lässt sich nun gezielter fragen: Wenn die Alternative zu Arbeit und Freizeit Muße ist, was ist dann das „Mußen“?

Anregungen / Fragen zur Diskussion:

Wie können wir das Tätigsein in der Muße begrifflich fassen?
Wie können wir Muße erfahren?
Welche Lebenszustände sind beherrscht von der Zeit?
Wann gelingt es, sich von der Zeit zu befreien?
 

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