Die Moderne im interkulturellen Diskurs
Perspektiven aus dem arabischen, lateinamerikanischen und europäischen Denken
Schelkshorn / Ben-Abdeljelil (Hg)
2012, 240 S, Gb, (Velbrück)
Bestell-Nr. 231319

25,90 EUR

Im 18. Jahrhundert entsteht im europäischen Denken ein
"Diskurs über die Moderne" (Habermas, Foucault), in
dem die gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen
seit dem 15. Jahrhundert im Rahmen einer geschichtlichen
Selbstvergewisserung verarbeitet werden. Der Diskurs
über die Moderne ist von Anfang in unterschiedliche
Disziplinen zersplittert, die von den Geschichts- über die
Sozialwissenschaften bis hin zur Philosophie und Kunsttheorie
reichen. Die "Moderne" ist daher ein äußerst vieldeutiger
Begriff, der je nach theoretischer Ausrichtung mit
unterschiedlichen Chronologien verbunden ist.
Durch die transozeanische Expansion seit dem 15.
Jahrhundert ist die Moderne von Anfang an ein globales
Phänomen, dem sich inzwischen keine Kultur mehr
entziehen kann. In den europäischen Modernediskursen
kommen allerdings "andere" Kulturen primär als Objekt
der Analyse vor, und zwar sowohl in den aufklärerischen
Fortschrittstheorien als auch in kulturalistischen Konzeptionen.
Aus diesem Grund war der Diskurs über die
Moderne bis vor kurzem ein Monolog des europäischen
bzw. nordamerikanischen Denkens.
Seit dem 19. Jahrhundert sind jedoch in verschiedenen
Regionen der Welt Denkbewegungen entstanden, in denen
die Herausforderungen der europäischen Zivilisation
jeweils mit den eigenen kulturellen Traditionen vermittelt
werden. In diesem Sinn können die neohinudistischen Philosophien
von Raman Mohan Roy bis Mahatma Gandhi,
die Kyoto-Schule in Japan, die von Juan Bautista Alberdi
begründete Tradition einer "filosofía americana" oder die
Ansätze einer Erneuerung des arabisch-islamischen Denkens,
die vor allem von Saiyid Ahmad Kahn und Al-Afgani
angestoßen worden sind, als außereuropäische Beiträge
zum "Diskurs über die Moderne" verstanden werden.
In der europäischen Philosophie sind allerdings Moderne-
Diskurse außerhalb der Grenzen der westlichen Welt
bis vor kurzem weitgehend ausgeblendet worden. Erst in
jüngerer Zeit erwacht vor allem im Kontext der "interkulturellen
Philosophie" das Interesse an außereuropäischen
Denkformen, das nicht einer Neugier nach dem Exotischen,
sondern einem sachlichen Motiv entspringt. Da
die Moderne ein globales Phänomen ist, das zahlreiche
Kulturen bis heute in einen ökonomischen und kulturellen
Überlebenskampf hineinzwingt, ist ein globaler Diskurs
über Moderne, in dem sich die Denkformen aller Kulturen
einbringen können, ein Gebot der Stunde.
In diesem Sinn versteht sich der vorliegende Band als ein
Beitrag zu einem planetarischen Dialog über die Moderne.
Interkulturelle Dialoge stehen jedoch vor mannigfachen
methodischen und inhaltlichen Problemen, die bereits
mit der begrifflichen Festlegung von Themen einsetzen.
So ist, wie die Beiträge von Hasan Hanafi und Wolfgang
Knöbl aufzeigen, der Begriff "Moderne" nicht nur äußerst
vieldeutig, sondern enthält eine gerade für einen
interkulturellen Dialog zugleich belastetende Semantik.
Denn der Begriff der "Moderne" fungiert seit dem 19.
Jahrhundert als eine Schlüsselkategorie für europäische
Selbstverständigungsdiskurse, in denen andere Kulturen
zumeist in eurozentrischen Verengungen wahrgenommen
worden sind.

Trotz der semantischen Hypothek ist in den letzten Jahrzehnten
eine beachtliche Vielfalt an Modernetheorien
außerhalb der Grenzen der westlichen Welt entstanden.
Aus der Fülle unterschiedlicher Ansätze werden in diesem
Band Beiträge von AutorInnen aus dem arabischen,
lateinamerikanischen und europäischen Denken präsentiert,
die auf einem Symposium in Wien 2009 aufbauen.
Darin sollte einerseits die Fixierung auf dualistische Dialog-
Konstellationen zwischen Europa und einer anderen
Kultur überwunden und andererseits der Süd-Süd-Dialog
gefördert werden.
 

Bestellen


Kommentare (0)

Ihr Kommentar

 Vorab bitten wir Sie, diese kleine Aufgabe zu lösen: 9 x 4 = 


Netiquette