Implizites Wissen
Epistemologische und handlungstheoretische Perspektiven
Loenhoff, Jens (Hg)
2012, 280 S, Gb, (Velbrück)
Bestell-Nr. 232305

29,90 EUR

Insbesondere aufgrund neuerer Entwicklungen im Kontext praxeologischer und pragmatistischer Sozial- und Gesellschaftstheorien ist in den letzten Jahren das Interesse am Konzept des impliziten Wissens stark gestiegen. Es zeichnet sich ein Diskussionszusammenhang ab, der es lohnend erscheinen lässt, diejenigen Überlegungen zusammenzuführen, die dieses Konzept aufgreifen. Jenseits einer noch ausstehenden systematischen Reflexionsgeschichte impliziten Wissens zeigt sich recht deutlich, dass diejenigen Entwürfe, die überhaupt zum Problem impliziten Wissens Stellung beziehen, einer Dezentrierung und Detranszendentalisierung des Subjekts als erkenntnistheoretischer Leitkategorie folgen. So liegen etwa im Pragmatismus Deweys, in der sprachanalytischen Philosophie Wittgensteins oder der Fundamentalontologie Heideggers, die jeweils mit unterschiedlicher grundbegrifflicher Weichenstellung ihren Ausgang von der Analyse des problemlösenden Umgangs mit einer widerständigen Realität nehmen, für sozialwissenschaftliche Erkenntnisinteressen außerordentlich fruchtbare Zugänge zur Bestimmung impliziten Wissens. Neben der aus diesen Quellen schöpfenden Kritik an normativistischen und rationalistischen Handlungstheorien, die Akteuren vornehmlich die Steuerung durch vernünftige Überzeugungen und die Orientierung an expliziten Regeln und manifesten Zwecksetzungen unterstellen, haben schließlich auch praxistheoretische oder praxeologische Ansätze die Bedeutung impliziten Wissens als Ressource für die kreative und flexible Situationsbewältigung entdeckt.
Die Einleitung kontextualisiert das Problem impliziten Wissens und die damit verbundenen Hauptfragestellungen zunächst im Spannungsfeld epistemischer Grundpositionen, um anschließend seine Bedeutung für handlungs- und kommunikationstheoretische Ansätze zu skizzieren. Nach einer Reihe von Hinweisen auf die Rolle impliziten Wissens im Bezugsrahmen gesellschaftstheoretischer Überlegungen werden abschließend einige Erwartungen an die zeitgenössische Theoriediskussion und an zukünftige Forschungskontexte formuliert.
 
Aus allen Beiträgen dieses Bandes spricht ein berechtigtes Unbehagen an der derzeitigen terminologischen und begrifflichen Bestimmung impliziten Wissens, der weitere Arbeit am Begriff zu folgen hat. Die Überlegungen von Werner Kogge nehmen sich der ursprünglichen Frage an, auf die der Begriff des impliziten Wissens eine Antwort sein soll. Der Beitrag von Jens Loenhoff nimmt Heideggers sorgfältige Bestimmung des primären, sich im vorreflexiven Handeln konstituierenden Gegenstandsbezugs zum Anlass, die darin enthaltene Konzeption des Übergangs von einer vorthematischen Unauffälligkeit zur Artikulation propositionaler Aussagen als Verhältnis von implizitem und explizitem Wissen zu rekonstruieren. Hans Julius Schneider geht der Frage nach, ob der Begriff des impliziten Wissens geeignet ist, das Dilemma zwischen einer naturalistischen und einer intentionalistischen Deutung menschlichen Handelns zu überwinden. Die Ausführungen von Harry Collins (Autor der Monographie Tacit and Explicit Knowledge) verstehen sich primär als Beitrag zur Präzisierung und Entmystifizierung impliziten Wissens. Rainer Schützeichel formuliert eine Kritik des epistemischen Individualismus und der damit verbundenen Vorstellung, selbstreflexive Subjekte seien als autonome epistemische Akteure »Träger« eines bzw. ihres Wissens. Gregor Bongaerts nimmt das zwar enge, bisweilen begrifflich jedoch nur unzureichend durchgearbeitete Verhältnis von implizitem Wissen und Prozessen der Inkorporierung zum Anlass, auf der Grundlage handlungstheoretischer Überlegungen die Relevanz impliziten Wissens für die soziologische Theoriebildung auszuloten. Vor dem Hintergrund seiner Arbeit an einer pragmatistischen Handlungs- und Gesellschaftstheorie fragt Joachim Renn nach dem Rationalitätspotential impliziten Wissens. Sein Beitrag widerspricht mit Nachdruck der im Kontext rationalitätstheoretischer Überlegungen allenthalben geäußerten Annahme, intuitive Gewissheiten entbehrten aufgrund ihrer nichtpropositionalen Verfasstheit jeglicher Rationalitätsfähigkeit. Christian Stetter nimmt in seinem Beitrag die begriffliche Klärung impliziten sprachlichen Wissens in Angriff, indem er sie als eine der Kernfragen linguistischer Theoriebildung begreift. Der Frage, wie implizites Sprecher- und Hörerwissen im Kontext der Konstruktionsgrammatik bestimmt wird, geht der Beitrag von Clemens Knobloch nach. Neuere Entwicklungen innerhalb der Linguistik aufgreifend fokussieren seine Überlegungen Sprachkompetenz nicht als abstraktes Regelwissen, sondern als Fähigkeit zum praktischen Umgang mit sprachlichen Mitteln. Stephen Turner unternimmt den Versuch, den Begriff impliziten Wissens durch Dekonstruktion falscher Analogiebildungen zu klären. Hilde Haider und Alexandra Eichler berichten über Ergebnisse der Kognitionspsychologie, die mit Hilfe experimenteller Verfahren implizite Lernprozesse erfassen und dabei die Differenz zwischen impliziten und expliziten Lernmechanismen ermitteln, wobei die Verstärkung des implizit erworbenen Wissens allein offenbar nicht ausreicht, um stabiles explizites Wissen zu erzeugen. Wie die Abwesenheit eines metakognitiven Bewusstseins über das eigene Wissen aus einer neuropsychologischen Perspektive untersucht werden kann, zeigt abschließend der Beitrag von Kirsten G. Volz.
 

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