Wie soll ich leben?
Philosophische Konzepte der Lebenskunst und Lebenskönnerschaft
Krüger, Paulo
2014, 64 S, Kt, (Diplomica)
Bestell-Nr. 373954

29,99 EUR


 
Textprobe:

Kapitel 2.1, Seneca und das vernunftgemäße Leben als Basis der Seelenruhe:

Für die Stoiker ist die Eudämonie, die Glückseligkeit, das höchste Gut. Dieses Ziel, das um seiner selbst willen erstrebt wird, führe über die Vernunft. Sie ist es, die den Menschen vom Tier abgrenzt. Um sein eigentümliches Wesen zum Ausdruck zu bringen, gilt es demnach vernunftgemäß zu leben. Seneca stellt dabei die Maxime auf, dass der Mensch gemäß der Natur leben solle. Denn konform mit der Vernunft zu leben hieße ein naturgemäßes Leben zu führen. Die Rationalität des menschlichen Handelns gründe in der kosmischen Vernunft. Seneca postuliert, dass das Universum logisch und rational ist, weil es der einzig mögliche und zugleich notwendige Kosmos ist, den die Allvernunft hervorbringen konnte. Und weil die Allvernunft vollkommen rational ist, könne sie auch nicht anders handeln, als sie handelt. Dementsprechend könne im Kosmos, übersetzt Ordnung, keine Unordnung bestehen. Dies soll verdeutlichen, dass die stoische Physik für die Ethik Senecas unumgänglich ist, da sie den Menschen zeigt, dass es Dinge gibt, die nicht in seiner Macht stehen, sondern auf äußere Ursachen beruhen, die auf rationale Weise gemäß dem Kausalitätsprinzip notwendig miteinander verkettet sind. In dieser Ordnung drückt sich nichts anderes als der göttliche Geist aus. In der menschlichen Vernunft offenbart sich schließlich die Immanenz Gottes. Sobald die Vernunft begreift, dass alles, was in der Welt geschieht, vernünftig ist und einen Zweck besitzt, wird sie ihr Wesen verstehen. Insofern spielt Gott in Senecas Philosophie primär eine ethische Rolle. Der einzige allmächtige Gott ist die Natur, und zwar ortlos, ungeteilt, eins mit dem Kosmos, welcher die bestmögliche aller Welten sei. Denn es liegt im Wesen Gottes, dass er immer das Optimalste schöpft. Seneca bezeichnet Gott nach seinen verschiedenartigen Betätigungsweisen mit unterschiedlichen Namen. So wird er unter anderem als Schöpfer, vernünftige Weltordnung oder als Fatum beziehungsweise Schicksal betitelt. Seiner Vernunftnatur zu folgen, bedeutet daher immer auch, sich dem Schicksal anzuschließen. Die Zeit bringt nichts Neues, sondern entrollt sich wie ein Seil, nachdem es einmal gebunden und ausgelegt worden ist. Das Schicksal ist so fest geschaffen, dass auch Gott nicht mehr in den Geschehensablauf interveniert. Eine nachträgliche Korrektur würde ja bedeuten, die Erhabenheit Gottes abzuwerten und ihm Irrtum einzugestehen.
Es geht Seneca letztendlich darum, wie das Schicksal gebraucht wird. Ob der Mensch sein Fatum zum Guten oder Schlechten herrichtet, liegt in seiner Hand. Wird es schlecht gebraucht, so ist es nicht die Schuld Gottes, sondern allein seine. Es ist immerhin der Mensch selbst, der sich in der Welt verhält. Jeder Einzelne kann entscheiden, was er aus dem machen will, was ihm widerfährt. Die Freiheit des Menschen ist bei Seneca eine Qualität der inneren Haltung. Es liegt in der Entscheidung des Menschen, dem Schicksal willig zu folgen oder es zu verweigern. Auch wenn seine Freiheit Teil des göttlichen Planes ist und die Spielregeln feststehen, erlebt er sich als frei, da er so handelt, wie er aufgrund seiner Natur will. Der Mensch erfährt eine Einschränkung seiner Freiheit jedoch nur dann, wenn er sich gegen die festgelegten Spielregeln auflehnt und etwas möchte, was ihm durch das Fatum verwehrt bleibt. Je seltener also der Wille des Menschen mit dem, was ihm zuteilwird, in Konfrontation gerät, desto freier ist er. Seneca lehrt den Menschen, die Spielregeln des Lebens so zu betrachten, als hätte er sie selbst konzipiert. Wie auch immer er sein Urteil fällt, der Mensch könne den Lauf der Welt sowohl nicht ändern als auch nicht stören.
Die stoische Ethik, die Seneca vertritt, führt so zu einer Lebenskunst der Hinnahme, die alles als gottgegeben und gleichgültig bestehen lässt, zumal sie schult, dass es kein Leid gibt, außer dem selbst verursachten. Alles Unglücklich-Sein habe seinen Sitz im Menschen selber. Folglich führt Seneca aus:

'Sieh dich nur um: der eine wird gequält von der Liebe zu einem fremden Weibe, der andere durch die Untreue der eigenen Frau. Manche bringt ein Mißerfolg bei Amtsbewerbung ganz außer Fassung, andere bringt die glücklich erlangte Stellung selbst um alle Lebensfreude.'
Seneca möchte damit verdeutlichen, dass Leid eine Folge der Schwäche des Menschen ist, der jene steigert oder sich einbildet. Jeder sei soweit unglücklich, als er es zu sein glaubt. Es handele sich vielmehr um den bloßen Schrecken, der von den Dingen ausgeht, als um den realen Druck, den sie praktizieren. So fordert Seneca:

'Frage dich selbst: quäle ich mich etwa und betrübe mich ohne Grund und mache zu einem Unglück, was kein Unglück ist?'
Weiter schreibt er:

'Mache dir deine Leiden nicht selbst noch schwerer, und vermehre deine Last nicht durch Klagen. Der Schmerz ist leicht, wenn die Einbildung nicht geschäftigt ist ihn zu vergrößern, wenn du im Gegenteil dich aufraffst zu der Ermahnung an dich selbst.'
 

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